Archiv:Das Torfgraben in der Herrschaft Pinneberg; ein Beförderungsmittel der Sittenlosigkeit
Das Torfgraben in der Herrschaft Pinneberg; ein Beförderungsmittel der Sittenlosigkeit, in: Staatsbürgerliches Magazin mit besonderer Rücksicht auf die Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, 3. Band, 1823
Mit der ruhmwürdigen, thätigen Sorgfalt, welche unsere Regierung auf die Beförderung der Sittlichkeit von jeher zu verwenden bemüht war, steht eine durch Herkommen gewissermaßen geheiligte und durch Gewohnheit gleichgültig gewordene öffentliche Beschäftigungsweise in so auffallendem Widerspruche, daß sie nicht länger der öffentlichen rügenden Beachtung entzogen werden darf. Der Referent glaubt dafür in dem Staatsbürgerlichen Magazin die rechte Stelle gefunden zu haben. Er weiß nicht, ob auch in andern Distrikten durch das Geschäft des Torfgrabens eben so traurige Resultate für den Stand der Sittlichkeit, wie in der Herrschaft Pinneberg, geliefert werden, hofft aber, wenn auch nur ausschließlich für diesen Distrikt, nicht ohne Nutzen die Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand gelenkt zu haben.
Wegen der Nähe der großen Städte Hamburg und Altona ist für den hiesigen Landmann der Torf ein sehr wichtiger Handelsartikel. Ob zum Vortheil oder Nachtheil für seine ökonomischen Verhältnisse, sey dahin gestellt. - Mit der zur Gewinnung eines reichlichen Torfvorraths bestimmten Zeit, tritt zugleich ein ganz verändertes, getrenntes häusliches Verhältniß ein. Knechte und Mädchen wandern, auf 8 Tage mit Speise und Trank ausgerüstet, aufs Moor, bauen sich dort Erdhütten und leben ununterbrochen eine Woche hindurch in der engsten Geweinschaft mit einander. Jeden Sonnabend kehren sie zur Erneuerung ihrer Wäsche, ihres Mundvorraths u. s. w. wieder ins Haus zurück. Mit dem Montage aber tritt das ungezwungene Moorleben wieder ein, und so wiederholt sich dies 5 bis 6 Wochen hindurch.
Kann für das sittliche Gefühl etwas empörender seyn, wie diese Lebens- und Beschäftigungsweise? Und kann für ein junges, unerfahrenes Mädchen irgend eine Lage gefährlicher Werden, wie dieses einsame Hüttenleben? Wir ehrenwerth erscheint dagegen die wirklich ehrbare Sitte des Fenstern’s, und ist doch diese durch's Gesetz verpönt!
Verweilen wir nicht blos bei dem Leben auf dem Moor, fassen wir auch die Vorbereitungen dazu und besonders die Folgen desselben ins Auge.
So wie die sogenannte Moorzeit naht, sieht man die dienende Klasse in Schaaren zur Beichte und zum heiligen Abendmahle ziehen, Allgemein hört man dann sagen: es wird pränumerirt auf die Vergebung der nächsten Moorsünden und in eben so gemeinem Sinne äußert man sich rücksichtlich der etwa bereits begangenen Moorsünden, beim Anblick der nach beendigter Moor- und Erndtezeit wieder auftretenden Züge von beichtenden Dienstknechten und Mädchen. Wie unwürdig mögen in beiden Fällen die Ansichten und Gefühle seyn, die selbige zum heiligen Abendmahle begleiten?! Diese Züge geben leider! so oft Veranlassung zu lauten, spöttischen und lächerlichen Bemerkungen, daß sie selbst der Jugend kund Werden! Referent hatte wiederholt Gelegenheit, sie zu hören, und sie gaben ihm die traurige Ueberzeugung, wie mit dem Sinne für das Sittliche auch selbst der für das Heilige und Erhabene erstickt wird.
Wollte man hier vielleicht einwenden, daß die Mädchen keinesweges gezwungen werden, sich auf die gedachte Weise den Moorarbeiten zu unterziehen, sondern vermöge eines ausdrücklichen Miethcontracts sich hierzu anheischig machen, so würde das doch in der Sache selbst weiter nichts ändern. Freilich ist es eine erfreuliche Erscheinung, Eltern zu finden, die selbst so viel Gefühl für das Schickliche und Anständige haben, und für den ehr- und tugendsamen Wandel ihrer Töchter so besorgt sind, daß sie bei zu schließenden Dienstcontracten die Moorarbeiten eximiren. Aber dafür trifft auch die Aermeren und Elternlosen das unverdiente Schicksal, wie sehr sich auch ihr Gefühl dagegen sträubt, unbedingt in Dienstverhältnisse zu treten, weil augenblickliche Noth es ihnen auferlegt, jene ehrenvolle Bedingung nicht machen zu dürfen. Wohl müßte hier eine neue Sorgfalt geweckt werden für die Armen und Unmündigen, die zunächst an den Staat und dessen väterliche Fürsorge verwiesen sind!
Es wird so oft und laut Klage geführt über den Verfall der Sitten, aber man sucht seinen Ursprung immer nur da, wo er nicht zu finden ist. So auch hier. Nur zu oft wird hier die verführerische Nähe der großen Städte in Anspruch genommen, doch auf dem einsamen Moor ist er zu finden, dieser schreckliche Urheber des hiesigen Sittenverfalls. Dort füllen sich die Brüchregister für uneheliche Schwängerungen, dort wird der unheilbringende Knoten geschlungen für lästige, unglückselige Ehen, dort empfangen die armen Opfer die schreckliche Weihe für den Ammendienst in den benachbarten Städten, und reifen nebenher für den Dienst in Bordellen. So traurig endet für die dienende weibliche Klasse die hiesige Moorarbeit. Mögte sie ganz und gar an das männliche Geschlecht verwiesen, und ferner nicht zur Schändung weiblicher Ehre und Unschuld gemißbraucht werden[1].