Archiv:Die Flurgemeinschaft (Mein Dorf)

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Karte von Ackerland 1724
Ackerland und Wiesen 1724

Die Flurgemeinschaft

Unsere Feldmark sah früher ganz anders aus als heute. Ältere Leute erinnern noch die weiten Heideflächen um 1870-90. Früher fehlten auch die Knicks. Der Blick über die weiten Felder wurde nur gehemmt durch einzelne Sprenggruppen von Eichen, Buchen, Birken und durch Eichenkratts. Sie sind mit der Einkoppelung verschwunden.

Die älteste Nachricht über unsere Bauernhöfe gibt uns ein Aktenstück des Landesarchivs in Schleswig aus der Zeit um 1660:

„Böecken hat Heidtland, etwas Sprengholz, gute Wiesen, Torfmohr, hat 7 volle Hufen, 1/4 Pflug (Hufe) und 2 Achtelpflüge, welche kein Land haben. Die vollen Pflüge haben Rogken 5-8 Tonnen, Buchweitzen 2-5 Tonnen Aussaat, Wiesenland zu 16-33 Fuder Heu. Der 1/4 Pflug hat Saatland zu 1 Tonne Korn und Wischlandt zu 2 Fuder Heu.“

Ein etwa 30 Jahre jüngeres Aktenstück gibt uns einen Einblick in die kümmerliche Lage der Einwohner:

„Es ist notorie und bekannt, daß die Kirchspiele Schenefeld, Westedt, Kellinghusen und der meiste Feil von Nortorf ihre größte Subsistence durch die eigene Hölzung und Torf, verkaufen haben, auch die meisten so beschaffen, daß sie kaum soviel Korn haben und bauen können, da sie ihre Haushaltungen mit hinhalten können, und sie also genötigt werden, um Weihnachten oder spätestens Lichtmeß (2. Februar) ihr Brootkorn wieder kaufen zu kaufen. Bei seinersolcher Bewandtnis nun muß sich der Bauer größtenteils auf seine Hölzung verlassen, und daraus, die monatliche Contribution samt Herrengeld (Steuern) und andere Abgiften zu bezahlen, welches denselben dann noch härter trifft, wenn er Abfall an seinen Pferden und Vieh empfindet.“

Eine genauere Nachricht über unsere Höfe gibt uns eine Handschrift: Speciale Beschreibung von dem gegenwärtigen Zustande der Unterthanen und ihren in Besitze habenden Ländereien des Kirchspiels Nortorf. 1724

„Ich gebe einen Auszug über einen Besitz:

3. Marx Voß, 1 Hufe.[1]

Gebäude Haus gut, Verlehnthaus, Scheune mittelmäßig.

Ackerland: 97 Stücke und 2 Koppeln 26 Tonnen 1 Spint.

Aussaat: 8 Tn 2 Scheffel Roggen, 5 In 1 Scheffel Buchweizen.

Wiesen: 13 zu 41 1/2 Fuder Heu.

Verlehnt an den Schwiegervater: 2 In Land und 3 Fuder Heu.

Beschlag: 10 Pferde, 3 Füllen, 8 Kühe, 9 Stück Jungvieh, 6 Kälber, 18 Schafe; 1 Schwein (Sau).

Vermögen:

bei Jochim Trede in Remmels 100 Mk,

bei Detlef Ficken in Innien 50 Mt.

Schulden: bei Hinrich Beckmann in Nortorf 150 Mk.

Ist im guten Stande.

Eigenhändige Unterschrift: Marx Voß.“

Nach dieser Handschrift hatte Böken 1724 zwölf Kampe Ackerland: Bast, Krützkamp, Vierthkamp, Rühmlandsbarg, Kinnerkamp, Kleefkamp, fördersten Bockhorst, groten Bockhorst, Ohlenkamp, Hadenbargskamp, Nieenkamp, Weddelstücken. Diese großen Kämpe (z.B. der Ohlenkamp lagen in einer gepflügten Fläche. Die einzelnen Stücke (der Ohlenkamp hatte 133 Stücke von zusammen 21 Tonnen, ca. 16 ha) waren nur durch Grasstreifen voneinander getrennt.

Alle Bauern mußten auf dem gleichen Kamp die gleiche Saat säen, denn nach der Ernte kam der Hirte mit den Dorfkühen, um die Stoppeln abzuweiden. Nach beendigter Saat schlug man Zaunpfähle um den Kamp und flocht Busch dazwischen (Borntun). So war das Korn gegen das auf den Heiden weidende Vieh geschützt.

Diese kleinen Ackerstücke waren die Folge der Flurgemeinschaft. Auf den einzelnen Kämpen sollte jeder Hufner möglichst gleichviel und gleichwertiges Land haben. So mußte der Kamp in viele Streifen geteilt und diese ihrer Güte nach an die einzelnen Hufen verteilt werden. Diese Stücke gehörten dauernd zu den betr. Hufen. 1724 aber hatten die Hufen nicht mehr die gleiche Anzahl Stücke auf dem gleichen Kamp. Manches Ackerstück mag als Aussteuer an einen anderen Hof gekommen sein, vielleicht ist auch Land verkauft oder verpfändet worden, wie einzelne Beispiele des Buches beweisen.

Die Kämpe wurden 3 Jahre nacheinander bestellt und ruhten dann 3 Jahre wieder. Nicht mit Klee- oder Grassaat besät, sondern der Quecke und dem Unkraut preisgegeben, dienten sie als Viehweide. Die Kühe wurden in einer Herde auf allen Feldern des Dorfes geweidet. Der Kohharder hütete sie.

Die Reihenfolge, in der die Kampe bestellt wurden und die Zusammenfassung zu den einzelnen der 6 Schläge wissen wir nicht. Der Bastkamp nahm eine Sonderstellung ein, indem er nie in Brache, sondern "dauernd unterm Pflug" lag, also immer bestellt wurde. Solches Land hieß "weichloses Land oder Inwongsland" (Wong = Kamp). Es war das beste Land der Feldmark. Von seinem Fruchtwechsel wissen wir nichts.

Anders steht es dagegen mit den anderen Kämpen. Im ersten Jahr nach der Aufbrechung säte man Buchweizen, im zweiten Jahr bekam der Kamp Mist und Winterroggen, im dritten Jahr wieder Mist, wenn etwas übrig war, und Roggeneinsaat. Vom Haferanbau wird im ganzen Kirchspiel nichts erwähnt, aber die Hufen hatten seit 1685 1 Tonne Roggen und 1 Tonne Hafer ins Heeresmagazin zu liefern. Das ist nur möglich, wenn auch Hafer angebaut wurde. Ebenso hören wir nichts von Rüben, Hanf und Flachs. Dieses alles dürfen wir in den Koppeln und Stratenhöfen vermuten. Im Garten baute man neben Erbsen und Bohnen besonders Kohl. Daher kommt die verschwindende Bezeichnung "Kohlhof" für den Garten.

Als Ertrag gibt das Buch durchweg das 3. Korn an, d.h. von jeder ausgesäten Tonne Roggen erntete man 3 Tonnen. Heute rechnet man das 10. Korn, d.h.von jeder Tonne Land erntet man 10 Tonnen. Dabei dürfen wir das Landmaß der Tonne Saat von 1724 auf 1 3/4 Tonnen Landmaß rechnen (3/4 ha), so daß wir heute je Tonne fünf mal so viel ernten. Diesen erhöhten Ertrag verdanken wir der besseren Verteilung des Landes, besonders aber der deutschen Wissenschaft und Industrie, die zum Fleiß und Schweiß des Bauern bessere Maschinen der Landbearbeitung, vielfache künstliche Düngemittel und hochgezüchtetes Saatgut liefern.

Die Vollhufe hatte 1724 7-10 Tonnen Roggen und 4-5 Tonnen Buchweizen ausgesät, also von jeder Saat 2 Tonnen mehr als um 1660. Es ist also in dieser Zeit Land urbar gemacht, und wir gehen wohl nicht in der Annahme fehl, daß dies der Neenkamp, Hollenbargskamp, Weddelstücken und Rühmlandsbarg sind.

Der Kornertrag betrug etwa 2127 Tonnen Roggen. Die Aussaat abgezählt, bleiben 14 18 Tonnen für den Haushalt. Da damals die Kartoffel noch unbekannt war, ist ein erhöhter Brot und Mehlverbrauch anzunehmen. Nach einer gleichzeitigen Nachricht aus dem benachbarten Homfeld betrug der Roggenverbrauch einer Vollhufe 14-16 Tonnen. Da von obigem Ertrag noch Verlehnt, 1 Tonne ans Heeresmagazin und 2/3 Tonnen an den Fastor abgehen, so hat keine Böker Hufe in den besten Jahren ihren Bedarf an Brotkorn ernten können; sie war auf Zukauf ebenso angewiesen, wie im Bericht von 1694 angegeben wurde.

Die Ernte wurde in den Gebäuden der Hufe geborgen. Die meisten Hufen hatten Wohnhaus, Verlehntshaus und Scheune, einige auch noch Stall. Das Wohnhaus war das alte Niedersachsenhaus, wohl noch ohne das Kreuzhaus für das Vieh. Es kommen allerdings im Kirchspiel Nortorf schon um 1600 Kreutzhauser vor (Amtsrechnungen). An der einen Seite der großen Diele, meistens links von ihr, wie noch heute, standen die Pferde, rechts die Kühe. Mit den Köpfen standen sie nach der Diele, von wo aus sie auch gefüttert wurden.

An Beschlag waren auf der Hufe vorhanden: 8-10 Pferde, 2-4 Füllen, 5-8 Kühe, 5-10 Stück Jungvieh, 3-6 Kälber, 10- 18 Schafe und 1-2 Sauen. Die Gesamtzahl: 69 Pferde, 20 Füllen (zus. 89), 55 Kühe, 57 Stück Jungvieh, 29 Kälber (zus. 141) 134 Schafe und 10 Sauen.

Für diese Tiere standen 277 1/3 Fuder Heu zur Verfügung, so daß nur 1 1/4 Fuder je Tier (Schafe ausgeschlossen) vorhanden waren. Es wurde aber hauptsächlich an die Kühe und Pferde verfüttert, Jungvieh erhielt Heide, sodaß man 2-3 Fuder Heu je Kuh rechnen kann. Dabei muß man bedenken:

1. Die Fuder waren mit den heutigen nicht an Gewicht gleich, noch um 1800 rechnete man ein Fuder Heu zu 600 Pfund.

2. Der Futterwert des Heues war weit geringer, es enthielt viel Sauergräser.

3. Das Rindvieh und auch die Pferde waren viel kleiner. Eine Kuh rechnete man um 1800 noch zu 300-350 Pfund. In seiner Rasse war das Rindvieh bunt zusammengewürfelt. Es gab rote, bunte, schwarzköpfige, graue und blaue Kühe, wie die Inventarverzeichnisse angeben.

Die Wiesen lagen durchweg an den Auen und nur wenige im Mastbrook; letztere gaben 55 Fuder schlechtes bis mittelmäßiges Heu. Sie waren dauernd Eigentum der Hufe und unterlagen nicht dem Weiderecht der Dorfschaft (Bauerlag). Eingefriedigt waren sie durch lebende Hecken oder Gräben. Den Umfang des Wiesenlandes 1704 schätze ich auf 90-100 ha, den des Ackerlandes, für das ja die Einsaatschätzungen im genannten Buche vorliegen, dürfte etwa 150 ha betragen haben. So lag noch etwa 3/4 der Feldmark, die 1300 ha umfaßt, in Heide, Moor, Sumpf oder Wald.

Das Wiesenheu war die Grundlage der Bauernwirtschaft. Die Wiesen gaben jahraus, jahrein das gute Heu ohne je Düngung zu bekommen. Das Heu gab dem Mist seinen Gehalt. Der Mist aber ermöglichte erst auf dem mageren Boden den Kornbau. Die Wiesen waren der Jungbrunnen der Bauernwirtschaft (Paul v. Hedemann-Heespen).

Bei der Kleinheit des Milchviehs, der geringen Futtermenge und Güte war kein großer Milchertrag zu erzielen. Noch 1799 wird berichtet, daß eine Kuh in der besten Zeit etwa 5 Kannen (= 9 Liter) Milch brachte. 1809 heißt es in Langheims Nachrichten über das Amt Rendsburg (Handschrift im Landesarchiv Schleswig), daß eine frischmelkende Kuh auf der Weide 3-6 Kannen Milch gab, in mageren Gegenden waren es nur 2-6 Kannen. (1914 hatte Johannes Hölk auf Bucken bei Innien einige Kühe, die in der besten Zeit 42 Liter Milch täglich gaben, und Kühe mit einer Jahresleistung von 6000 Liter gab es 1938 mehrfach in Böken).

Um 1800 rechnete man nach der gleichen Quelle zur Fütterung einer Kuh 4-5 Fuder Heu, dazu Kohl, Hafer, Korn und Stroh so viel an Gewicht als die Kuh wog, 300 - 350 Pfund.

Die Feldgemeinschaft bedingte für alle Bauern die gleiche Frucht auf dem gleichen Kamp. Nur die wenigen eigenen Koppeln bildeten eine Ausnahme, da an ihnen die Dorfgemeinschaft keine Rechte hatte. In Böken gab es 1724 zehn Koppeln: die beiden Brüggkoppeln, 2 Twisselkoppeln, je eine neue Koppel, Olenkampskoppel, Nabbenhoe (oder Stabbenhoe, der Name ist verschwunden, vielleicht Lammhoe?[2] und 2 "beim Hause", Innien hatte nur 2, Bünzen 9 Koppeln.

Diese Koppeln boten vorwärtsstrebenden Bauern die Gelegenheit und Möglichkeit, Neuerungen zu erproben. Die Erfolge dieser reizten zu weiteren Einkoppelungsbestrebungen. Doch war das nicht einfach: denn auch nur einer widersprach, so war nichts zu machen. Trotzdem ist weiter eingekoppelt und aus der Heide Land urbar gemacht worden.

Fußnoten

  1. jetzt Claus Glindemann, Familienbesitz seit 1645.
  2. In Frage käme noch Stackhoe (Anmerkung nach Digitalisierung 2026)