Archiv:Dorffeste (Mein Dorf)
Dorffeste
Maifeuer.
Am Walpurgisabend (30. April) wurde in Böken bis zum ersten Weltkrieg das Maifeuer abgebrannt. Am "Bastredder" war "Uprümelsch" (von den Knicks abgeputzter Busch) zusammengefahren. Am Abend des 30. Aprils gingen Knechte und Mägde, auch die Bauernsöhne und Töchter dorthin. In älterer Zeit wurde ein "Fiefkannsholt" (dat Farken) mit Branntwein mitgenommen, in letzter Zeit eine Blechflasche mit 5 Litern Branntwein. Das Feuer wurde entfacht, es wurde gesungen und getanzt und aus dem Flaschendeckel Köm getrunken. Der war durch Umlage oder Spende gekauft.
Mit dem 1. Weltkrieg hörte das Maifeuer auf. Ein Versuch nach 1933 Johannifeuer in Aufnahme zu bringen, hatte keinen Erfolg. Zeitweise wurde das Maifeuer auf dem freien Platz vor der Landwegskoppel am Fünfwegekreuz an der Chaussee, dem alten Hexentanzplatz, abgebrannt. Ich halte diesen Platz für den ursprünglichen. Die Verbreitung des Maifeuers erstreckte sich von der Bünzau und Stör bis an die Dithmarscher Grenze, also über das Gebiet von "Urholstein".
Ringreiten.
Am 2. Pfingsttag findet hier das Ringreiten statt. Solange die ältesten Leute, die ich gekannt habe, denken konnten, war dieser Tag dafür festgelegt. Die ganze Jugend des Dorfes vom 2. Jahr nach der Schulentlassung beteiligt sich daran. Morgens wird der Ringgalgen aufgestellt, Reiter üben. Um 13 Uhr geht der Zug der Reiter mit Fahne und Musik von der Wirtschaft nach dem Festplatz, früher eine Koppel, heute der Weg nach dem Bokhorst. In kurzem Galopp führt der Reiter sein Pferd unter dem Baum durch und sucht mit einem Stecher, aus Einfriedigungsdraht mit Widerhaken den Ring zu erhaschen. Es ist eine bestimmte Anzahl von Runden abgemacht. Wer in diesen den Ring am meisten mitbekommen hat, ist König, wer ihn nie bekam, "Blindsteker", wer abgefallen ist, wird "Sandrüter".
Die Mädchen haben entweder Ringfahren (in den letzten Jahren nicht mehr) oder Ballwerfen. Für ersteres wird ein Wagengestell mit dem einen Rad eingegraben und auf das andere eine Leiter gebunden, an deren Enden Stühle von Mehlbüdelswagen gebunden sind. In diesen sitzen die Mädchen mit einem Stecher in der Hand, um wie beim Karussellfahren, den Ring zu erhaschen. Ein Tagelöhner dreht dies Karussell.
Beim Ballwerfen wird ein leerer Bienenkorb zwischen Steinen aufgestellt, der mit gerupften Gras oder Heu etwas gepolstert ist. Geworfen wird mit drei Gummibällen. Die Zahl der im Korb liegengebliebenen Bälle wird gezählt. Danach werden Königin, Blindsteker, Sanarüter und Fahnenträgerbraut bestimmt. Diese erhalten farbige Schleifen und Gewinne, ebenso die Jungs. Der Sandrüter bekommt eine Flasche Branntwein, der Blindsteker einen großen Kringel an einem Band um den Hals gehängt.
Nun folgt der Umzug durch das Dorf, voran die Dorfkapelle, die Fahne, die Könige, die Reiter, die Mädchen. Der Zug geht auf jeden Bauernhof, wo alle ein Glas Likör bekommen. Nach dem Umzug werden sie Pferde nach Hause gebracht und der Feststaat angelegt. Dann geht es nach der Wirtschaft, wo auf der großen Diele der Saal gelegt ist. Die Mädchen sitzen an den Wänden auf Bänken, die Jungs stehen oben im Saal an der Tür zu den Räumen. Der König bewirtet die Gewinnträger mit einer Flasche Wein. Bis Abendbrotzeit wird getanzt. Abendbrot wird zu. Hause eingenommen, gute Bekannte dazu mitgenommen. Nachdem wird bis in die Morgenstunden getanzt. Jüngere Ehepaare beteiligen sich am Fest, die älteren bleiben im Haus und besorgen die Wirtschaft.
Fremde, die mittanzen wollen, haben ein Eintrittsgeld zu bezahlen, die dorfeigene Jugend ist zunächst frei, muß aber für den etwaigen Unterschuß aufkommen.
Am folgenden Sonnabendabend ist "Stertverteern". Dabei wird zunächst Abrechnung gehalten und der Überschuß in Punsch angelegt. Auch der Kröger muß einige Schalen Punsch stiften. Es wird gesungen und getanzt nach Handharmonikamusik.
Am 3. Pfingsttag wurde früher umgesungen.
Vogelschießen, das große Kinderfest.
Dieses findet am Donnerstag oder Freitag nach Pfingsten statt, weil dann der Saal doch liegt. Morgens um 8 Uhr wird mit Musik und Fahne von der Schule nach Aart Willi Reimers Koppel am anderen Ende des Dorfes marschiert. Dort wird der Vogel aufgestellt. Früher wurde mit der Armbrust danach geschossen. Da die Armbrüste oft brachen und das Schießen darum nicht erledigt werden konnte, änderten wir das nach 1920. In jedes Stück des Vogels wurde eine farbige kleine runde Glasscheibe gesetzt und mit 6 mm Büchsen danach geschossen. Beim vorher versuchten Scheibenschießen zeigte es sich, daß die Knaben, deren Eltern in der Lage waren, den Kindern Büchsen und Patronen zu kaufen, weitaus im Vorteil waren. Bei unseren Vogelschießen zwischen den Weltkriegen entscheidet aber meistens das Glück. Ein Zufallsschuß durch die Scheibe bringt den Gewinn. Es gab fünf Gewinne und den Fahnenträger auszuschießen. Größere Knaben schossen für die kleineren.
Die Mädchen hatten Topfschlagen. Die kleineren Knaben machten außerdem auf Steckenpferden Ringreiten um Bonbon. Nachdem die Gewinne ausgeschossen sind, erfolgt der Rückmarsch nach der Schule. Dort werden die Gewinne ausgeteilt und die Schleifen angemacht. Das nötige Geld wird durch eine Sammlung im Dorf aufgebracht. Es ist stets reichlich. Nachmittags 13 Uhr beginnt der Umzug durch das Dorf, die Mädchen mit Blumenbügeln, nach der Wirtschaft. Das Tanzen wird unterbrochen von Reigen. Manchmal gibt es Kaffee und Kuchen und Kuchen. 21 Uhr ist Schluß. Anschließend tanzen die Eltern noch einige Stunden.
Faßlam( Kaffeeball).
Während Ringreiten das Dorffest der Jugend, Vogelschießen das Fest der Kinder ist, haben die Verheirateten um Fastnacht ihr Fest, Faßlam oder Kaffeeball. Es gibt Kaffee, belegte Brötchen und Kuchen etwa um 16 Uhr. Dann folgt Tanz und Kartenspiel. Zum Abendbrot wird nach Hause gegangen, nachher weiter gespielt und getanzt und Punsch getrunken. Dabei geht es überaus lustig her. Übelnehmen gibt es nicht, ebenso keinen Unterschied zwischen Bauern und Tagelöhnern. Die Leute des Dorfes feiern zusammen.
Am nächsten Nachmittag zogen die Leute mit Handharmonikabegleitung und Gesang von Haus zu Haus. Dort gab es ein Glas Branntwein oder einen Likör. Der Zug endete im Wirtshaus. Früher wurden beim Umsingen in dem einen Hause Mettwürste oder Schinken vom Speckwieben mitgenommen und im Nachbarhause verzehrt, Mancher Geizhals tat sich dabei gütlich, ohne zu ahnen, daß es seine Sachen waren, die man ihm so freigiebig anbot. Aber auch dabei gab es kein Übelnehmen. Mit dem ersten Weltkrieg hörte das Umsingen auf.