Archiv:Wie beschaffe ich mir Stoff für eine ähnliche Arbeit? (Mein Dorf)
Wie beschaffe ich mir Stoff für eine ähnliche Arbeit?
Wenn man an die Arbeit der Dorfforschung herangehen will, so nehme man Schröder und Biernatzkis Topographie oder die von Oldekop. Die erstere ist zuverlässiger und bietet mehr altes. Dann schlage man in Witt: Quellen und Bearbeitungen der Schl.-Holst. Kirchengeschichte und in den Katalogbänden der Landesbibliothek nach, um zu sehen, was über unsere Gegend veröffentlicht ist. Über neuere Erscheinungen geben die Literaturberichte der Gesellschaft für Schl.-Holst. Geschichte Auskunft oder die Leitung der Landesbibliothek in Kiel. Sie verleiht auch wieder Bücher.
Nachdem man eine gewisse Grundlage des Geschichtswissens über die Gegend sich erarbeitet hat, beginne man mit dem Ausfragen der Alten im Dorf. Sie können aus ihren Erinnerungen und den Erzählungen ihrer Vorfahren uns manches über das Dorf berichten. Jede Nachricht ist auf einem besonderen Blatt möglichst möglichst wortgetreu aufzuzeichnen und einzuheften. Eine Ordnung erfolgt später. Sie berichten über die Feldmark und ihre Urbarmachung, über die einzelnen Höfe, Feuersbrünste, Sitten und Gebräuche, Kleidung, Nahrung, Feste, Märchen, Sagen, Redensarten, Döntjes, Bauernregeln, Volks- und Viehmedizin, volkstümliche Namen von Pflanzen und Tieren, Urbarmachungen und deren Art und Zeit usw. Dann werden sie auch mit alten Handschriften auf den Höfen hervorkommen: Kontrakte, alte Dorfpapiere, die von alten Bauervögten liegen geblieben sind, und Familienakten.
Beim Bürgermeister liegen die Flurbücher und Flurkarten. In ihnen ist der Dorfplan im Maßstab 1:1000. Die Flurkarten haben den Maßstab 1:2000 und sind in Kartenblatt und Parzellen mit Nummern geteilt. Diese Nummern sind bei allen Funden einzutragen. Die Dorfkarte gibt den Lageplan des Dorfes und weist auf seine Entstehung hin: Straßendorf, Haufendorf, Rundling, Einzelgehöft, die sog. Siedelungstypen.
Über den Boden geben die in der Gegend ausgeführten Erdbewegungen Auskunft: Brunnenbohrungen (Bohrprofile von den Brunnenbohrern erbitten), Sand- und Ziegeleigruben, Auregulierungen, Drainage. Mit derartigen Unternehmungen muß man dauernd Fühlung halten, ebenso mit den Torfgräbern, denn im Moor ist vieles aufbewahrt. Moorfunde sind nie zu reinigen, bevor ein Wissenschaftler sie untersucht hat, da durch die anhaftenden Pollen eine Zeitbestimmung möglich ist.
Beratung bei geologischen Funden bietet das geologische Institut der Kieler Universität, bei vorgeschichtlichen Funden das Landesinstitut für Vor- und Frühgeschichte in Schloß Gottorp, bei Pflanzenfunden die Arbeitsgemeinschaft für Floristik in Kiel, bei zoologischen Funden das zoologische Institut der Universität Kiel. Oft können auch die Heimatmuseen helfen oder bekannte Fachleute. Die Schüler sind zur Beobachtung bei Feldarbeiten anzuhalten und Funde zur Schule mitzubringen.
Die Deutung der Orte und Flurnamen ist meistens nicht einfach. Dem Wissenschaftler fehlt oft die Ortskunde, dem Ortskundigen die Sprachwissenschaft. Anleitung zur Deutung geben Jellinghaus bezw. Dohm in der Zeitschrift für Schl.-Holst. Geschichte Bd. 29 und 38. Auch die meisten Heimatbücher enthalten Deutungen. Die älteste Schreibweise der Ortsnamen bietet Hasse: Schl.-Holst. Urkunden und Regesten, 4. Bände bis jetzt. Eine weitere Quelle für die ältere Schreibweise bieten die Amtsrechnungen im Landesarchiv zu Gottorp und die Klosterrechnungen.
Für Sagen, Märchen usw. bieten Müllenhof: Sagen und Märchen der Herzogtümer, Wisser: Wat Grotmoder vertellt und Gustav Friedrich Meyer mit seinen vielen Veröffentlichungen manches. Für die eigene Sammlung nenne ich einige Anhaltepunkte: Kirchengründung, Steinwürfe von Riesen, Unterirdische, Hauszwerge, Bäume, an die das Geschick des Landes, des Dorfes oder eines Gehöfts gebunden ist, Orte, wo Gespenster erscheinen, Frau mit dem Spinnrad, Mann ohne Kopf, Hexen, Schatzgräber.
Der älteste Umfang des Kirchspiels ist in den Zehntverzeichnissen bei den Kirchen zu finden. Der Unterschied zwischen Kirchspiel und Vogtei ist festzustellen. Ursprünglich deckten sich beide mit der Hundertschaft von etwa 120 Hufen, dem alten Großhundert. Was ist abgetrennt, wo ist es geblieben? Sind Hufen niedergelegt oder vermehrt? Liegt die Kirche in einem Hufen- oder Katendorf? Die steigende Katenzahl gibt Hinweise auf Vermehrung des Handwerkerstandes.
Welches sind die ältesten Familiennamen? Für sie gibt es bestimmte Bezirke, z. B. Rohwer in Jevenstedt und Nortorf, Struve im Südteil des Kirchspiels Schenefeld (Wacken), Ratjen im Kirchspiel Nortorf, besonders Homfeld. Quelle sind die Amtsrechnungen.
Ein wichtiger Umstand im Leben und Besitz war bis 1770 die Flurgemeinschaft und der Flurzwang mit seiner gleichzeitigen und gleichartigen Saat, Ernte und Fruchtfolge, der Landverteilung und den Weiderechten. War dabei das Land Eigentum der Hufe oder oder gab es öfters Neuverteilung? Gehörten die Wiesen unter den Flurzwang? Wie stand es mit Hufenteilungen? Wann und woher kame kam die erste Einkoppelung, wann hörte der Flurzwang auf? Wann wurde der letzte Rest der Gemeinheit verteilt? Welches sind die ältesten Koppeln? Krumme Knicks bezeichnen sie! Laufen die Straßen gerade oder krumm über die Feldmark, den Bodenverhältnissen folgend? Wo sind Furten? Welche alten Abmachungen über die Nutzung der Feldmark (Beliebungen, Willkürsbriefe) sind vorhanden? Quellen für die Beantwortung der Fragen: Kontraktenprotokolle bei den Amtsgerichten, Flurkarten und Feldaufteilungsakten im Landesarchiv. Die Schuld- und Pfandprotokolle bei den Amtsgerichten oder in den Klosterarchiven geben die Besitzerfolgen auf den Höfen aus ihnen kann man die Entwickelung des Dorfes ersehen. Die Dorfkarten sind danach gezeichnet.
Für die Geschichte der Schule bieten Kirchen, Propstei und Landesarchiv reiches Material. Über Kriegseinwirkungen geben Kirchenrechnungsbücher und Beilagen zu den Amtsrechnungen manche Auskunft.
Untergegangene Gewerbe sind zu erforschen: Glashütten, Papiermühlen, Holz- und Torfkohlenbrennerei, Töpferei, Weberei (Muster retten!), Holzschnitzkunst (Truhen), Uhrmachereien usw.
Ältere Volkszählungslisten liegen im Landesarchiv, die neueren seit etwa 1875 sind in den Kreisblättern zu haben, dort sind auch die Viehzählungslisten. Über die Bodenbenutzung geben die Provinzialhandbücher Auskunft, auch gelegentlichen Funde in den Archiven.
Wer ins Archiv kommt, darf nun nicht erwarten, daß ihm alles fertig vorgelegt werden kann, er muß am Hand der Registranten die ihn interessierenden Akten heraussuchen und sich vorlagen lassen. Ist man erst in der Arbeit, so bietet sie reichen Genuß.