Archiv:Die Ahnen des Juristen und Philosophen Henning Ratjen

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Professor Henning Ratjen

Die Ahnen des Juristen und Philosophen Henning Ratjen - Zu seinem 175. Geburtstag

Von Hans Staack[1]

Vor 175 Jahren, am 10. Oktober 1793, wurde Henning Ratjen in dem alten Bauerndorf Homfeld, das zum Kirchspiel Nortorf gehörte, geboren. Alle seine Vorfahren wa­ren, soweit sie sich feststellen lie­ßen, Bauern, Bauernsöhne und Bauernenkel alteingesessener Ge­schlechter in den Kirchspielen Nor­torf und Kellinghusen. Wie lange die Vorfahren der Ratjens schon hier ansässig sind, ist nicht zu sagen. „Wir halten sie für ureingesessen", heißt es in der Chronik der Familien Ratjen/Rathjen, die im Auftrage des Familienverban­des im Jahre 1936 herausgegeben wurde. In Homfeld ist das Geschlecht der Ratjen seit 1538 nach­weisbar. Genannt werden in die­sem Jahre als Hufenbesitzer Hen­neke Ratghen und Detleff Rat­ghens, deren Abgaben 14 ß und 23 ß betrugen. Hundert Jahre später waren bereits 6 Ratjens in Homfeld ansässig. Den Höhe­punkt im Besitzerwerb in Homfeld erlangten die Ratjens im Jahre 1737, als ihnen 7 von 11 Hufen des Dorfes gehörten. Der Homfelder Stammhof ist noch heute im Besitz eines Nachfahren. Er ist seit 1690 im Besitz der Familie Ratjen. Vordem war er seit 1538 im Besitz der Familie Trede. Henning Ratjens Ur-Ur-Großvater Harder Ratjen, 1652 in Hennstedt im Kirchspiel Kellinghusen geboren, heiratete 1673 Elsche Trede, die Tochter des 1663 verstorbenen Hufners Marx Trede, und wurde durch diese Heirat Besitzer des zweitgrößten Hofes in Homfeld. Harder Ratken dürfte ebenfalls ein Enkel der Homfelder Rat­jens sein. Das geht aus den Gevattern bei seinen Kindern hervor, die über­wiegend Ratjens aus Homfeld waren. Vermutlich hat Harder Ratken, dessen Vater mit Vornamen auch Harder hieß, in einen Hennstedter Hufenbesitz hinein geheiratet. Zur Zeit der Geburt von Henning Ratjen war der Hof in Homfeld rund 160 Hektar groß. Durch Zukauf wurde der Hof bis 1933 auf 186 Hektar vergrößert.

Henning Ratjens Mutter stammte aus Fitzbek im Kirchspiel Kellinghusen. Sie hieß Wiebke Bünz und war die Tochter des Hufners und Dingvogts Jacob Bünz und der Wiebke Reimers. Auch ihre Vorfahren waren im Kirchspiel Kellinghusen alteingesessen. Jacob Bünz war der letzte Träger seines Namens in Fitzbek. Sein einziger Sohn Jasper starb früh. Wiebkes Schwester Gesche Bünz erhielt den väterlichen Hof in Fitzbek und heiratete Hans Ratjens ältesten Bruder Harder Ratjens. Zu seiner Besitzzeit erfolgte die Feldaufteilung in Homfeld, die das Ende des gemeinschaftlichen Vieh­weidens brachte und den Bauern in seiner Betriebswirtschaft von den Nachbarn unabhängig machte. In ihrer Folge sind die Knicks auf der Feld­mark entstanden. Mit diesen Knicks setzte sich Hans Ratjen in Homfeld ein Denkmal. Wer das Foto von Henning Ratjen betrachtet, sieht daraus „den ganzen Mann - einen Mann außerordentlicher Gelehrsamkeit und Weisheit, einen Mann der Sorgfalt, Gründlichkeit, Zuverlässigkeit und Treue, einen Mann, der mit Energie sein Ziel verfolgt, und einen Mann eines zarten Gemüts, das der Liebe fähig ist, nicht gerade für das öffentliche, rauhe Leben geschaffen". „Ratjen war von großer Gestalt, hager und mager. Er hatte einen Lang­schädel. Unter einer hohen Stirn und buschigen Augenbrauen leuchtete ein Paar helle Adleraugen, darunter eine große Nase, ein Zeichen der Klugheit, und ein großer Mund mit schmaler Ober- und breiter Unterlippe. Seine Haltung war etwas nach vornüber geneigt. Langes, grauweißes Haar hing ihm bis auf die Schulter. Er trug sich wie ein Pastor der alten Zeit in langem, schwarzem Gehrock mit einer weißen Halsbinde. - Ein Bild der Zucht, Ord­nung und Schlichtheit. So habe ich ihm als Kind und als Jüngling gegen­übergestanden", sagt Hauptpastor Fr. Freytag, Nortorf, in seinen persön­lichen Erinnerungen an Henning Ratjen, „einer Gestalt, die jedem den allergrößten Respekt durch ihre Erscheinung abnötigte. - Er verfügte nur über eine schwache, dünne Stimme, ungünstig für den Vortrag eines Hoch­schullehrers. Aber ein ungünstiges Organ hatten auch der große Historiker Treitschke und der Lehrer und spätere Kollege Ratjens, der Geschichts­professor Dahlmann. Aber diese alle setzten sich durch die Gediegen­heit ihrer Vorträge und das lodernde Feuer, das in ihnen für die Sache, die sie vertraten, lebte, bei ihren Zuhörern und Schülern durch. Dabei war bei Ratjen kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig."

Henning Ratjens ‚erste Jugendzeit´ von 1793-1810 fiel in eine für die Herzogtümer finanziell noch günstige Zeit. Das Finanzwesen der Herzog­tümer war von dem des Königreichs Dänemark getrennt und selbständig. Dort wurde die schon seit Jahrzehnten brüchige Finanzlage unter der klugen Leitung des Staatsministers Andreas Peter Bernstorff und unter dem Tausendkünstler, dem Schatzmeister Graf Schimmelmann, und seinem Sohn bis 1800 noch einigermaßen künstlich über Wasser gehalten. Als aber Andreas Peter Bernstorff 1798 starb, sein weniger tüchtiger Neffe Graf Christian Bernstorff ihm folgte, - und auf den schon vorher verstorbenen Schatzmeister sein untüchtiger Sohn Graf Carl, und König Friedrich VI., eine durchaus dem Absolutismus zugeneigte Persönlichkeit, alle Gewalt an sich riß und seit 1800 sein und seines Volkes Glück immer auf eine falsche Karte setzte, gegen England ging und mit Napoleon hielt, - kam es 1813 nach einem unglücklichen Krieg zum Staatsbankrott. Dänemark beschlag­nahmte die schleswig-holsteinische Bank in Altona und hob die Selbständig­keit des schleswig-holsteinischen Finanzwesens auf. Die Herzogtümer muß­ten die schwere Last des verlorenen Krieges und des Staatsbankrotts tragen. Mit einem Schlage wurden einst wohlhabende Leute zu armen gemacht. Die Hauptlast traf den Grundbesitz. 20 Jahre alt war Henning Ratjen, als dies harte Schicksal seine Heimat und auch sein Elternhaus traf, und 21, als im nächsten Jahre, 1814, im Juni zuerst seine Mutter und im September sein Vater starben, beide im Alter von 59 Jahren. Sie hinter­ließen sieben Kinder, von denen das jüngste Henning war, alle in schwerster pekuniärer Lage. Der Hof aber wurde der Familie erhalten, 2 Jahre lang geführt von einem Bruder und einer unverheirateten Schwester zum Besten der Kinder.

Bei dem Tode seiner Eltern im Jahre 1814 war Henning Ratjen bereits in Kiel als Studiosus der Rechtswissenschaft immatrikuliert. Ratjen besuchte zuerst die Dorfschule in Homfeld. Nebenbei mußte er, wie alle Kinder der Landleute, in der Landwirtschaft mit tätig sein. Er erwies sich aber bei diesen Arbeiten als so unpraktisch, daß die Eltern sehr bald einsahen, ihr Henning tauge zum Landwirt nicht, er müsse einen anderen Beruf ergrei­fen. Die Pastoren der damaligen Zeit, denen die Aufsicht über die Schulen zustand, hatten ein sehr scharfes Auge auf begabte Schüler. Da Ratjen sich bei Schulvisitationen durch den als Pädagogen ausgezeichneten und berühm­ten Pastor Meyer in Nortorf durch schnelle Auffassung und gute Ant­worten hervortat, erbot sich dieser, wie es damals alle Pastoren taten, ihn ohne Vergütung in fremden Sprachen zu unterrichten. 15 Kilometer ist Nor­torf von Homfeld entfernt. Wie viele Jahre, wie viele Male in der Woche er diesen weiten Weg gemacht hat, wahrscheinlich zu Pferde, ist uns nicht bekannt. Aber es ist ein Zeichen seines eisernen Willens und seiner Lust zu den Wissenschaften, daß er durchhielt. 1810, im Alter von 17 Jahren, bezog er die Gelehrtenschule in Kiel, 1814 wurde er Student und widmete sich der Rechtswissenschaft in Kiel. 1817 studierte er in Berlin. Wie es damals alle mußten, die studierten, wird er sich auf der Universität nur kümmerlich haben durchschlagen müssen. Aber es bewahrheitete sich an ihm wie an vielen anderen das Schriftwort, daß eine harte Jugendzeit treff­liche Männer erzeugt. Später ward er Hauslehrer auf Ascheberg bei den Kindern des geistig hochbedeutenden Gutsbesitzers Christian Schleiden, der auch in den politischen Kämpfen um 1815 hervortrat, wo Ratjen teil­nahm an dem reichen geselligen Leben dieses Hauses, in dem sich viele Gelehrte, namentlich der Kieler Professorenwelt, Künstler und andere hoch­gestellte Persönlichkeiten zusammenfanden. Das wird ihm in seinem späte­ren Leben von großem Vorteil gewesen sein. 1820, nachdem er vorher noch einmal ein Jahr studiert hatte, machte er sein juristisches Amtsexamen und ließ sich im Jahre 1821 als Advokat in Kiel nieder. Zu gleicher Zeit habili­tierte er sich als Privatdozent an der juristischen Fakultät und las über Pandekten und Institutionen. 1823 machte er seinen juristischen Doktor. 1826 ward er wegen seiner umfassenden Gelehrsamkeit zum Unterbiblio­thekar ernannt und 1830 außerordentlicher Professor. 1833 vollzog sich in seinem Leben eine große Wendung. Er ging zur philosophischen Fakultät über, wurde honoris causa zum Dr. phil. ernannt und zugleich zum Pro­fessor der Philosophie und Oberbibliothekar befördert. 1834 wurde er Vizepräsident der Gesellschaft für schleswig-holsteinisch-lauenburgische Ge­schichte. Er blieb es bis zum Jahre 1864. 1835 ward er Sekretär der Ritterschaft im Nebenamt und 1844 Syndikus derselben Korporation. Wahrhaftig eine glänzende Laufbahn in kurzer Zeit.

Da die Ritterschaft in den Tagen großer Kämpfe allein ihre Privilegien nicht mehr vertreten konnte, ernannte sie seit ca. 1800 meistens einen juri­stischen Professor zu ihrem Sekretär und Syndikus. Den heißesten Kampf um ihre Privilegien führte um die Wende des 18. Jahrhunderts Graf Fritz Reventlow auf Emkendorf, um ihn schließlich fast ganz zu verlieren. Aber diese Kämpfe gewannen nach dem Staatsbankrott von 1813 an Bedeutung. Da merkten auch die Bauern, daß es sich hier nicht nur um das Recht des Adels, sondern auch um die Rechte des ganzen Landes und vor allem um den Geldbeutel handelte. Und hier hat von 1835-1848 auch Ratjen seinen Mann gestanden, obgleich er seiner Veranlagung nach mehr ein Mann des Friedens als des Kampfes war. Wer sich mit der Politik abgibt, betritt immer einen gefährlichen Boden. Er steht mitten in der öffentlichen Meinung und muß sich auf beides gefaßt machen, auf Anerkennung, oft, oft aber auch auf höchstes Mißfallen. Es gehören dazu, um fest zu stehen, Charakterkämpfe und Furchtlosigkeit, vor allem das Bewußtsein, auf dem Boden des Rechts zu stehen, weit erhaben über Lob und Tadel. Ratjen war, soviel bekannt ist, mit seinem Kollegen, dem Etatsrat und Professor Nikolaus Falck, Gesamt­staatsmann und konservativer Richtung. Er wollte, solange es sich mit dem Recht vertrug, daß die Herzogtümer mit Dänemark unter einer Krone Dach sein sollten. Er vertrat auch das Recht der Herzogtümer mit Weisheit und Mäßigung in der aufgeregten Zeit um 1848. Er erhielt sich aber das Ver­trauen des Königs, seiner Landsleute und auch der Ritterschaft. Eine Ehre nach der anderen häufte sich auf seine Person. 1840 erhielt er den Dane­brogorden, 1847 wurde er Etatsrat, 1862 wurde ihm der hohe Titel Konfe­renzrat zuteil. Schließlich erhielt er in der preußischen Zeit noch den Kronen-­Orden II. Klasse und den Roten-Adler-Orden II. Klasse in Anlaß der Ein­weihung des neuen Universitätsgebäudes. - Mehrere Male war er Rektor der Universität, zuletzt im Jahre 1863. - 1848 wählte man ihn in die schles­wig-holsteinische Landesversammlung, 1854 war er Mitglied der holsteini­schen Stände- versammlung, fühlte sich aber in dieser politischen Tätigkeit nicht in seinem Element. Sein Feld war die stille Tätigkeit des Gelehrten. Darum lehnte er 1858 auch seine Berufung in den Reichsrat des dänischen Gesamtstaates ab. In die neuen preußischen Verhältnisse konnte er sich nicht mehr ganz hineinleben. Ein Amt nach dem andern legte er nieder. 1873 feierte er noch unter großer Ehrung den 50. Jahrestag seiner juristischen Doktorierung, um 1875 in den Ruhestand zu treten. Am 21. Januar 1880 ging er nach kurzer Krankheit hochbetagt in Frieden zur ewigen Ruhe, tief betrauert von vielen, insbesondere von seiner geliebten Frau Clothilde, geb. Ackermann, und seinen Kindern.

Ratjen war ein außerordentlich fleißiger und fruchtbarer Schriftsteller. Er war der erste, welcher die heimatgeschichtlichen Handschriften der Universität um 1860 sammelte, ordnete und ein Verzeichnis davon heraus­ gab. Gleichfalls gab er ein Verzeichnis der Handschriften heraus, welche die Herzogtümer Schleswig und Holstein betreffen. Ebenso lieferte er eine Zusammenstellung der für Preußen und Schleswig-Holstein erlassenen Gesetze betreffend die Provinzialstände. Er schrieb ferner einen Beitrag zur Geschichte der Kieler Universität, eine Monographie der beiden Rechts­gelehrten J. C. M. Dreyer und E. J. v. Westphalen. Ferner lieferte er eine Schrift zur Erinnerung an Professor Nikolaus Falck, eine Geschichte der Kieler Universitätsbibliothek, eine Monographie des viel angegriffenen Theologieprofessors Kleuker und Briefe seiner Freunde, eine Monogra­phie des Philosophen Erich von Berger, eine solche von Johann und Hein­rich Rantzau, ferner die Grundrechte des deutschen Volks und der Familien - ­Fideikommisse. Dann hat er noch geschrieben: über den Verzug nach den Prinzipien des römischen Rechts, eine Antwort auf die Frage: „Hat die stoische Philosophie Einfluß auf die Justinians Pandekten excerpierten Schriften gehabt?"

Es ist viel darüber nachgedacht und geschrieben worden, welche Impulse der Mensch aus der Landschaft und ihrer Geschichte empfängt. Die Ein­drücke der ersten Jugend sind dabei entscheidend. Die Landschaft wird zur Pflanzstätte des Geistes, der Seele und des Gemüts. Das Gesicht seiner Heimat hat Henning Ratjen nicht nur in seiner Kindheit, sondern auch in seiner Jugendzeit kennen und lieben gelernt. Trotz seiner späteren hohen Stellung vergaß er seine Familie nie. In jedem Jahre einmal pflegte er seine Familie in Homfeld und Nortorf zu besuchen. „Dieser gelehrte Mann liebte den Stand der Landleute, aus dem er hervorgegangen war, über alles. Auch er hielt, wie unsere Väter, den Nährstand für den ersten Stand. Dann kam der Wehrstand und zuletzt der Lehrstand. Aber auch die Landleute sollten den anderen Ständen die erforderliche Achtung entgegenbringen, ja, sich auch um eine gewisse allgemeine wissenschaftliche Bildung bemühen. In jedem Bauernhaus sollte es in unserer Zeit", so meinte Henning Ratjen, „an einer Büchersammlung nicht fehlen, in welcher vor allem die Geschichte unseres Landes vertreten wäre."

Henning Ratjen war auch ein guter Christ, denn „in seinem Vaterhause, wie in seiner Familie war seit alters her der christliche Glaube heimisch. Es war der feste Grund, auf welchem diese Familie stand und den Segen Gottes in ihrem Tun und Lassen gefunden hat." Auch Henning Ratjen wußte um das inhaltsschwere Wort: „Geht Gottesfurcht und Glaube weg, geht auch ein Geschlecht zu Grunde." Er wußte auch, daß in den Bauerngeschlech­tern der Kern der deutschen Zukunft und der Sauerteig jeden deutschen Lebens liegt, denn die Familie ist die Zelle, auf der und aus der das ganze Volksleben sich aufbaut. Ein jedes Einzelwesen ist schließlich nur ein Glied einer Kette, die eingreift in das große Rad, welche Familie, Gemeinde und Staat treibt. Auch was Henning Ratjen im heißen Lebenskampf an sittlichen, geistigen und leiblichen Gütern erworben hatte, verdankte er zum Teil seinen Vorfahren, denn „des Kindes Paten sind: Erbanlage und Umwelt!"

Einzelnachweise

  1. Aus dem „Heimatkundlichen Jahrbuch 1968 für den Kreis Rendsburg“