Archiv:Die Franzosenzeit (1913)
Die Franzosenzeit
Die napoleonischen Weltmachtspläne, die Europa um 1800 in Aufregung hielten, verschonten unser Land zunächst, ja, Holstein stand sich anfangs recht gut dabei. Als 1803 Napoleon Hannover, das den Engländern gehörte, besetzte, antwortete England mit der Blockade der Elbmündung. Aller Warenverkehr nach Hamburg mußte nun über Tönning gehen, das dadurch sehr aufblühte. Von hier wurden die Waren auf der Eider nach Rendsburg gebracht und von da auf dem Transitweg[1] nach Hamburg geschafft. Vielen Bauern gab der rege Frachtverkehr erwünschten Verdienst, ja manche vernachlässigten der Fuhren wegen ihre Landwirtschaft.
1807 änderten sich die Verhältnisse. England fürchtete, Napoleon könnte sich der dänischen Flotte bemächtigen und sie gegen England verwenden. Daher nahm es die dänische Flotte mit Gewält weg und führte sie nach England. Anfang 1808 schickte Napoleon ein Heer von 32000 Mann unter Bernadotte[2] zum Schutze Dänemarks aus. Es bestand aus Franzosen und Spaniern. Anfang März waren sie in unserer Gegend. Ein schlimmer Ruf ging ihnen voraus, aber sie waren in Wirklichkeit noch schlimmer. Sie drangen in die Häuser, forderten alles, was sie wünschten, ohne irgend an Bezahlung zu denken, mißhandelten die Leute und taten überhaupt, als ob Holstein ein erobertes seindliches Land wäre. Die Dörfer wurden mit starken Einquartierungen belegt Besonders die Kirchspiele Hohenwestedt und Nortorf hatten zu leiden. Von Itzehoe zogen die Truppen über diese beiden Orte nach Rendsburg, wo Bernadotte längere Zeit sein Hauptquartier hatte. Pastor SchulzeHohenwestedt berichtet darüber[3]:
„Das Dorf war immer, Tag und Nacht, mit Wagen besetzt, die auf ihre Passagiere warteten, und im Hause, wie außer demselben war das Gewühl immer sehr rege. Immer ging es hin und her. Diese Unruhe und Belästigung „hielt auch lange, und zwar vom Frühling bis in den Herbst an.“ Eine Uebersicht über die Einquartierungen zeigt, daß der Ort stets gedrängt voll Militär war. In der Zeit vom März bis zum Dezember waren im Pastorat einquartiert 132 Offiziere (französische, spanische, holländische und dänische), 17 Offiziersdamen mit 10 Kindern und 8 weiblichen Dienstboten, außerdem noch 139 männliche Bediente bezw. Soldaten, also in 10 Monaten 306 Personen. In gleicher Weise, und meist mit noch viel mehr Mannschaften sind auch die andern Einwohner belegt gewesen.“ Die Kirche war vielfach Einsperrungsraum für die Kriegsgefangenen. Gespeist wurden diese meistens auf dem Kirchhof. Manche Gäste, besonders die Spanier, waren nobel im Bezahlen und betrugen sich sehr gut. Anfang des nächsten Jahres verschwanden die letzten dieser Gäste. Der Amtmann v. Schlanbusch erhob von dem Kirchspiel Schenefeld, das von Einquartierungen frei blieb, eine Steuer von 500 Rthlr. und überwies zwei Drittel davon dem bedrängten Hohenwestedt, das letzte Drittel aber an Nortorf.
Im nächsten Jahre, 1809, beteiligten sich unsere Truppen, leider freiwillig, an der Niederwerfung des Majors von Schill, den sie als Räuberhauptmann bezeichneten und über dessen Bezwingung sie, wie über eine große Heldentat, jubelten. Auch der Ankrug hat den traurigen Ruhm, daran beteiligt gewesen zu sein. Ein Claus Wichmann, der sich vor seiner Militärzeit 4 Jahre in Homfeld aufgehalten hatte, war bei der „Stralsunder Affaire"[4].“
Auch während der Befreiungskriege stand Dänemark auf Napoleons Seite. Um die Schweden für die Verbündeten zu gewinnen, hatte man ihnen den Erwerb von Norwegen gesichert. Nachdem Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen war, zog Bernadotte, der Kronprinz von Schweden, nach Norden, um in Schleswig=Holstein Norwegen zu gewinnen. Sein Heer bestand aus Russen, Schweden und Preußen, besonders Lützower Jägern. Die Dänen zogen sich über Segeberg, Bornhöved und Kiel zurück, um Rendsburg zu erreichen. Bernadotte eilte über Segeberg und Neumünster direkt auf Rendsburg zu und schnitt ihnen so den Rückzug ab. Das Corps Wallmoden zog über Segeberg, Bramstedt und Innien nach Nortorf, wo am 8. Dezember das Hauptquartier war. In dem Gefecht bei Sehestedt am 10. Dezember 1813 gelang es den Dänen, sich nach Rendsburg durchzuschlagen. Am 15. Dezember wurde ein 14tägiger Waffenstillstand abgeschlossen. Anfang Januar, nach Ablauf des Waffenstillstandes, zogen die Schweden nach Schleswig, und am 14. Januar 1814 machte der Friede zu Kiel dem Kriege ein Ende. Norwegen ging den Dänen verloren. Der Plan Bernadottes, ein Königreich Cimbrien zu gründen, kam infolge des schnell geschlossenen Friedens nicht zustande.
Ganz Holstein war während dieser Zeit vom Feinde besetzt. Freilich wurde Befehl erteilt, Holstein nicht als Feindesland zu behandeln, doch kamen Gewalttätigkeiten genug vor. Der Winter 1813=14 ist noch als „Kosackenwinter“ im Gedächtnis des Volkes geblieben.
Alte Leute erzählten mir, daß die Kosacken in Claus Greves Haus in Böken auf der großen Diele ihr Essen gekocht haben. An Ketten hing vom Balken herab ein großer Kessel über dem Feuer, das mitten auf der Diele brannte, Heu und Stroh lag herum und doch ging alles gut ab. Gestohlen wurde sehr viel. Dem Lehrer Tiedemann in Böken wurden Uhr und Silberzeug genommen. Auf seine Klage mußten die Russen es wieder herausgeben, aber Tiedemann mußte flüchten[5].
Ein Kosack, der einen Bauern verfolgte, geriet in Herm. Thuns Wiese mit dem Pferd in die Au und ertrank. (Kosackenkule).
In der Heidkate wurde ein Mädchen von Feinden überfallen, mit Messern gestochen und gemißhandelt. Die beiden Uebeltäter wurden gefaßt und erhielten in Gegenwart von zwei Bauern ihre wohlverdienten Prügel.
Peter Reimers, Setzwirt auf der Holmschen Hufe in Bünzen, wurde gebunden nach Rendsburg mitgenommen.
Carstens in Bünzen wurde von den Kosacken überrascht, als er Geld im Uhrgehäuse verstecken wollte. Den größten Teil des Geldes nahmen sie mit, einiges ließ man ihm.
Claus Ratjen=Homfeld, Kröger Klas genannt, (Ott's Stelle) hatte sein Geld vergraben. Ein Dienstmädchen wurde gezwungen, die Stelle zu verraten. Kröger Klas erhielt zum Verlust des Geldes auch noch Prügel.
Dem Kirchenältesten Claus Ratjen wurde die Kirchenkasse, soweit er sie zu verwalten hatte (20 rbt. 80 rbs.) genommen[6].
Claus Reimers=Innien hatte sein Geld hinter einem Dachsparren verborgen und es so gerettet.
Die Schulstube in Böken, wie auch wohl die andern, wurde als Krankenstube benutzt[7].
Die besten Pferde wurden in den Wäldern versteckt, in Homfeld im Eschenburen, in Böken am Kleef, in Bünzen im Stockwischenholt, in Innien im Hölln. Dort waren große Gruben, die man mit Busch bedeckt hatte. In Hölln zeigt man noch die Stelle und in Bucken hieß die Grube noch lange der „Russenstall". Dort hielten sich auch zeitweise die Frau und Kinder des Besitzers Holm versteckt.
Unsere Gegend war besonders stark vom Feinde besetzt und auf dem Rückzuge so ausgezehrt, daß die Truppen sie direkt mieden[8].
Ungeheuer groß war der Schade. Im Januar 1814 schon wurden bei uns die Schäden festgestellt. Zwei Tage brauchten der Lehrer Tiedemann und der Bauervogt Jochim Rathjen in Böken, um „über jedes Interessenten an den Feindlichen geleisteten Requisitionen 2c. und gewaltsam Entwendetes, und dadurch genommenen Schaden ein Protocoll aufzunehmen"[9]. Leider ist mir dieses Protokoll nicht zu Gesicht gekommen und Tiedemanns Tagebuch (Allerleybuch), das er erwähnt[10], dürfte wohl überhaupt verschwunden sein. Es ist mir nur der Gesamtschade des Kirchspiels Nortorf bekannt: 297 Pferde, 389 Rinder, 112 Schweine, 254 Schafe, mit sonstigen geraubten Sachen ein Verlust von 149060 rbt. Die Einquartierungskosten betrugen 44605 rbt. So ergibt sich ein Verlust von 193666 rbt.[11].
Für die Verluste erhielten die Besitzer nach dem Krieg einige Entschädigung. Böken erhielt für Vieh und sonstige Verluste 440 Rthlr., für Lieferungen und Requisitionen 974 Rthlr., Bünzen 290 und 530, Innien mit Bucken 325 und 690, Homfeld 490 und 680, Bargfeld 370 und 320 Rthlr[12]. Es soll damit aber nur ein Achtel der angegebenen Schäden gedeckt worden sein.
Nach Abzug der Feinde brachen hier die Masern und Frieseln aus und hausten gräßlich. In Böken starben allein 27 Kinder daran im Verlauf von reichlich 4 Wochen. Im Kirchspiel sind in diesem Jahre 137 Personen mehr gestorben als geboren.
Ueber die Schäden haben wir folgende weitere Nachrichten:
„Das Kirchspiel Nortork hat vor allen andern Districten äußerst viel gelitten, nicht nur hat es an beständiger übergroßer Einquartierung und den damit verbundenen Verpflegung-Lieferungs-Fuhren und anderen Verbindlichkeiten, die Erpreßungen und Plünderungen ungerechnet, ungemeine Lasten getragen, sondern es hat selbst ein Militär-Lazareth reichlich drey Wochen hindurch bis ungefehr Neujahr 1814 unterhalten müßen. Nach der Schlacht bey Sehestedt wurde ein großer Theil der Verwundeten zu Nortorf untergebracht. Die Kirche mußte eingeräumt werden und da in der Geschwindigkeit weder die Zahl der geforderten Bettstellen noch die Bretter zur Verfertigung derselben herbeigeschafft werden konnten, wurden Bänke und Stühle aus der Kirche herausgerissen und daraus die erforderlichen Bettstellen verfertigt. Demnächst mußten Betten, Matratzen, Strümpfe, Medicin und Lebensmittel herbeygeliefert werden welches alles von den Eingeseßenen des Kirchspiels Nortorf einseitig ohne Beyhülfe anderer drey Wochen hindurch abgehalten worden ist[13].
Am 8. Januar wurde Nortorf verpflichtet, zur Unterhaltung des Lazarettes in Neumünster beizutragen. Als nun aber Neumünster forderte, das Kirchspiel Nortorf solle auch zu den vorher entstandenen Kosten beitragen, weigerte sich Nortorf mit der obigen Begründung.
Da so jeder Wohlstand verschwunden war, konnte die Bevölkerung keine Steuern aufbringen.
Die Vollmachten des Kirchspiels Nortorf Amts Rendsburgs bitten Nahmens der Eingesessenen dieses Kirchspiels allerunterthänigst, daß sie mit der Entrichtung der Königl. Abgaben für das laufende Jahr Nachsicht erhalten, und daß diese Abgaben in Terminen, deren erster im künftigen Jahre fällig ist, gesetzt werden möge[14].
Der feindliche Ueberzug der Herzogtümer hat insonderheit und vor allen andern das Kirchspiel Nortorf sehr hart getroffen. Durch das Kirchspiel Nortorf ging die Militärstraße nach Lübeck: eine sehr starke und fortdauernde Einquartierung, die mit allem verpflegt und versehen werden mußten, war die unzertrennliche Folge davon. Der größte Teil der Eingeseßenen hat die ganze Erndte an Korn, alles, was sie an Holz und Feuerung hatten, den größten Teil ihres Viehes verloren. Was von dieser Einquartierung übrig gelassen, ist eine Beute der Viehseuche geworden, die noch zur Zeit in mehreren Dörfern ihre Verherungen fortsetzt. Dazu sind seitdem die vielen Requisitionen gekommen, die das Wenige, was wir hatten, vollends genommen haben. Die beständigen Fuhren haben Wagen und Pferde theils vernichtet, theils sind sie genommen worden, und beständigen Erpreßungen ausgesetzt, ist das baare Geld bis auf den letzten Schilling weggegangen. Die meisten Eingeseßenen wißen nicht, wo sie Vieh und Pferde und Wagen, um nothdürftig den Ackerbau zu betreiben, wieder hernehmen sollen, ja wie sie selbst sich nur mit ihrer Familie durchhelfen sollen. Von allem Gelde und von allen Mitteln Geld zu machen entblößt, ist es ihnen nicht möglich, Abgaben zu bezahlen. Wollte man selbst zur Beytreibung der Abgaben die Auspfändung vornehmen, so könnte man die Betten, worauf sie schlafen, ihnen nehmen das wenige Vieh, was noch übrig ist; allein die Abgaben werden aus dem Verkaufe dieser Stücke doch nicht bezahlt und dann wären die Eingeseßenen von allen Mitteln zur Betreibung ihres Ackerbaus entblößt, auf viele Jahre ruiniert, denn wenn sie kein Korn bauen, so kann in künftigen Jahren gar nichts bezahlt werden.
Wie hart die Eingeseßenen des Kirchspiels Nortorf mitgenommen sind, ist notorisch; und indem sie in Anleitung ihres Nothzustandes die Königl. Gnade anflehen, ihnen die erbetene terminliche Bezahlung der diesjährigen Abgaben allergnädigst zu bewilligen, so dürfen sie hoffen, daß diese ihre nothgedrungene Bitte eine allergnädigste Berücksichtigung erlangen werde. Nothgedrungen ist sie; denn die ganzliche Verarmung des großen Theils der Eingeseßenen und eine Nichtbebauung vieler Ländereien würde die unzweifelhafte Folge seyn, wenn durch Wegnehmung der wenigen noch übrigen Equisiten ein Theil der Abgaben beygetrieben wird, alle Geldabgaben könnten selbst durch dies harte Mittel nicht erhalten werden. (7. März 1814.)“
Im Juli 1814 wurde nun auch die Bezahlung der Reichsbankzinsen gefordert. Darauf erfolgte die folgende Bitte der Vollmachten:
„Die Eingeseßenen des Kirchspiels Nortorf bitten allerunterthänigst, daß die Königl. Rente-Kammer allergnädigst geruhen wolle, sich bey der Direktion der Reichsbank dahin zu verwenden, daß die Eingeseßenen mit der Bezahlung der diesjährigen Zinsen für die Reichsbankforderung auf 3 Jahre Nachsicht erhalten.“
Zu dieser Bitte gab das Rendsburger Amthaus folgenden Bericht:
„Der Feindliche Kriegsüberzug hat das ohnehin im Ganzen arme Kichspiel Nortorf bekanntlich sehr hart getroffen, indem die Eingeseßenen nicht nur alles was sie von der vollen Erndte des vorigen Jahres an Korn und Heu und Stroh und Lebensmittel besaßen, eingebüßt, sondern auch Wagen und Pferde und Ackergeräth verloren haben. Die Anschaffung der nothdürftigsten Pferde und Wagen, um den Ackerbau fortsetzen zu können, hat von dem größten Theil der Eingeseßenen nicht bezahlt werden können, sondern wo es wirklich angeschafft worden ist, hat es auf Credit geschehen müßen, sowie es gleichfalls mit der Anschaffung Auf der Sommersaat und der Lebensbedürfnisse der Fall gewesen ist. den Ertrag der diesjährigen Erndte ist so viele Bezahlung angewiesen, Undaß wenn sie auch die reichlichste wäre, der Werth nicht hinreichte. glücklicherweise aber ist sie nicht ergiebig, und schon die erste Schuld Bezahlung des Saatkorn, nimmt einen so großen Theil der Endte hin, daß der übrige Theil nur nothdürftig zur Sustentation der Familie hinreicht. Nur für baare Bezahlung kann der größte Theil sich die notwendigen Arbeiten der Schmiede und der Rademacher erwerben, denn in ihrem itzigen Zustande ist der Credit geschwunden. Aus dem Ertrag der Landwirtschaft aber müßen die meisten Eingeseßenen ihren Bedarf und ihre Bedürfniße hernehmen. Andere Quellen, als Holz z. B. haben sie nicht.
Nun sind die Eingeseßenen bey Executionsstrafe befehligt worden, die Zinsen der Reichsbankforderungen zu bezahlen. Es steht nicht in ihrer Macht, diese Bezahlung herbeizuschaffen, und die Anwendung von Zwangsmitteln könnte keine andere Wirkung haben, als daß der größte Theil außer Stande gesetzt würde, fortzuwohnen. Nimt man ihnen durch Auspfändung was sie an Vieh oder Haus- und Ackergeräth besitzen, so sind sie außer Stande, die Landwirtschaft fortzusetzen. Die Hufen würden aus Mangel an Bearbeitung ruiniert und bey dem alsdann unvermeidlichen Concurse des größten Teils derselben, würden diejenigen, die ihr Vermögen in selbigen stehen haben, und unter diesen Wittwen, Waisen und Stiftungen, es verlieren. Armuth würde sich weit verbreiten und die Armenkaßen nicht zur Abhelfung des Mangels und Elend hinreichen und auch die Königl. Kasse notwendig einen beträchtlichen Verlust erleiden.
Nur Nachsicht kann uns retten, unsere Verbindlichkeiten zu erfüllen; jetzt angewandte Strenge muß aber nothwendig unsern Untergang bereiten. Die Abwendung derselben ist unsere und unser Familie Erhaltung. t unser Viehstapel und unser Ackergeräth wiederhergestellt, so ist die Möglichkeit vorhanden wieder in den Stand zu gelangen.
Wir nehmen uns daher die unterthänige Freiheit, damit, wie oben geschehen, zu bitten, daß die Königl. Rentekammer geneigen wolle es bey der Direktion der Reichsbank zu bewirken, daß wir mit Vezahlung der Zinsen der Reichsbankforderung auf drey Jahre Nachsicht erhalten.
(27. September 1814.)“
Für die Einquartierung hatte es keine Entschädigung gegeben. Als nun am 15. April 1817 eine Bekanntmachung über die Einquartierungsvergütung erschien, glaubten unsere Dörfer auch etwas erlangen zu können.
„Die Königliche Rentekammer hat unterm 23. August 1817 an mich rescribirt:
Die Rentekammer darf es sich nicht erlauben, das Gesuch der Gevollmächtigten der Kirchspiele Nortorf, Hohenwestedt, Schenefeld und Kellinghusen, Amts Rendsburg, daß die Eingesessenen der benannten Kirchspiele Vergütung für die Einquartierung der im Jahre 1814 bei ihnen in Quartier gewesenen Kaiserlich russischen Truppen bewilligt werden möge, zur Allerhöchsten Gewährung zu empfehlen, da die Allerhöchst bewilligte Einquartierungs Vergütung, laut der öffentlichen Bekanntmachung vom 15. April 1817 ausdrücklich nur auf die innerhalb der ersten Demarcations Linie belegenen Districte gehet.
Was dahingegen von den gedachten Eingesessenen ferner auf Requisition der Wiederbesitznahme Commission in Altona geliefert und deretwegen von derselben bereits Generalquittungen ertheilt worden, oder was solche extraordinäre Lieferungen betrifft, die von ihnen etwa an das Königl. dänische Militair praestirt worden, und deretwegen sie sich mit ihren Forderungen an die Commission in Flensburg zu wenden haben werden, so wird ihnen für sämmtliche diese Lieferungen dieselbe Vergütung angewiesen werden, die den übrigen Untergehörigen der Herzogthümer zu Theil wird, sobald deshalb eine allerhochste Bestimmung erlassen worden ist.
Welches den besagten Kirchspielsgevollmächtichten Namens der Königl. Rentekammer hiedurch von mir bekannt gemacht wird[15].
Rendsburger Amthaus, den 30. August 1817.
Schlaubusch.“
Infolge der schlechten Zeiten waren Konkurse an der Tagesordnung. In Böken gingen von 1808—35 sechs Besitzungen konkurs, in Innien 5, in Bargfeld 3, in Bünzen und Homfeld je eine. Andere Hufen standen so schlecht, daß die Besitzer frei verkauften, um womöglich das Altenteil zu retten. Auch die Bezahlung der Steuern ging schlecht. Der Besitz von Timm=Bünzen, der nach dem vorhandenen Steuerquittungsbuch sehr regelmäßig seine Steuern zahlte, war 1816 schon 66 rbt 43½ bs. rückstandig. 1822 und 23 konnte er überhaupt keine Steuern zahlen. 1828 erst waren alle Rückstände getilgt.
Wie groß die Steuern überhaupt waren, zeigt eine Aufstellung über die parzellierte Kaaksche Hufe in Böken, die 1831 von Hans Jochim Bei der Hufe waren 82 Steuertonnen, Kaak aus Schülp gekauft wurde. taxiert zu 60 Rbt die Tonne = 4920 Rbt. Das Inventar war sehr mangelhaft: 2 Pferde, 2 Kühe, 3 Starken, 1 Kalb, 2 Wagen, 1 Pflug, 1 Egge, einige Kleinigkeiten und die Ernte. Der Kaufpreis betrug 2300 mK Conrt. = 1226 Rbt. 64 bs.
An Steuern waren zu zahlen:
Herrengeld jährl. | 13 Rbt. 25 bs. |
Ordinaire Contribution | 36 Rbt. 84 bs. |
Grund= und Benutzungssteuer | 20 Rbt. 48 bs. |
Amtsunkosten | unbestimmt |
Kriminalgelder | unbestimmt |
Physicatstaxe | unbestimmt |
Zucht= und Werkhausgelder | unbestimmt |
Reuterpferdegelderzulage | unbestimmt |
Armenbeitragsgeld | unbestimmt |
Brandkassenbeiträge | unbestimmt |
Kirchen= und Schulanlagen | unbestimmt |
Beiträge für die Hebamme | unbestimmt |
Brücken= und Wegebesserungen | unbestimmt |
Ordinaire Magazinkornlieferung | 5 Schipp 6 Kannen ½ Orth Roggen |
Ordinaire Magazinkornlieferung | 5 Schipp 6 Kannen ½ Orth Hafer |
Stroh Ordinaire Fouragelieferungen | 364 Rbt. Heu 379 Rbt. Stroh |
extraordinaire do. | unbestimmt |
Herrschaftliche Fuhren | unbestimmt |
An das Hauptpastorat zu Nortorf | 2 alte Scheffel Roggen |
An die Kirche | 4 Spint 3 Kannen 3 Orth Roggen. |
1843 betrugen die unbestimmten Lasten ohne Kirchen=, Schul=, Amts=, Gemeinde= und Armenlasten reichlich 25 Rbthlr. Mit den Bankzinsen dürfen wir die Steuern also auf ungefähr 105 Rbt. rechnen. Das wären reichlich 8 % des Kaufwertes der Stelle. Bedenken wir, daß das heute bei der Stelle, die doch mindestens 100000 Mk. wert gewesen wäre, eine Belastung von 8000 Mk. allein an Staatssteuern ergeben würde. Wieviel besser haben wir es doch!
Fußnoten
- ↑ Siehe Seite 113 ff.
- ↑ Damals noch französischer Marschall, später Kronprinz von Schweden.
- ↑ Schulze: Zurückerinnerungen des 1808ten Jahres. Auszüge: Die Heimat. 1903. S. 277—83
- ↑ Nortorfer Armenakten.
- ↑ Akten der Bökener Schule.
- ↑ Nortorfer Kirchenrechnungsbuch.
- ↑ Schulakten in Böken.
- ↑ Itzehoer Klosterarchiv
- ↑ Schulakten in Böken.
- ↑ Schulakten in Böken.
- ↑ Langheim a. a. O
- ↑ Staatsarchiv zu Schleswig.
- ↑ Nortorfer Vollmachtslade.
- ↑ Nortorfer Vollmachtslade.
- ↑ Vollmachtslade von Kellinghusen.