Der Polizist aus Gnutz und drei Zecher aus Innien

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Die Geschichte Der Polizist aus Gnutz und drei Zecher aus Innien ist eine Erinnerung aus der Chronik von 1995.

Nach dem ersten Weltkrieg verbesserte sich die ärztliche Versorgung im Aukrug erheblich. Eine ärztliche Persönlichkeit von hohem Rang hatte sich in Innien niedergelassen: Generaloberarzt der Marine a. D. Dr. Seife. Seine ärztlichen Praktiken waren ein wenig nach den Methoden des berühmten Dr. Eisenbart ausgerichtet. Sonst war er ein kommoder Mann und ein aktiver Verehrer des Bieres. Nach Beendigung seiner morgendlichen Praxis, etwa gegen 11.00 Uhr, pflegte er Max Rabe im damaligen Bahnhofshotel aufzusuchen und dort regelmäßig seine acht halbe Liter zu trinken. Das störte ihn nicht, am Nachmittag wohlgemut seine Patientenbesuche zu machen, um dann des Abends wieder mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit seinen festen Platz bei Max Rabe oder auch bei Johannes Lipp einzunehmen und sich mit Behagen dem weiteren Genusse des geschätzten Bieres hinzugeben. Er rauchte nur selbstgedrehte Zigaretten, eine nach der anderen und drehte sie nur mit einer Hand. Zum Trinken gehören aber auch Trinkgenossen. Der bierfreundliche Medizinmann war darin nicht wählerisch. Milchmann Christian Wörpel, der seine Milch mit einem Eselskarren ausfuhr, und Schweinemäster Hans Siehl, der in der Schweinemästerei von Johannes Behrens tätig war, waren seine häufigen Trinkkumpane. Alle drei hatten bei Max Rabe ihren Platz an einem dreisitzigen Tisch in der Gaststube. Je länger der Abend dauerte, je besser wurde das Bier schmecken. Die Polizeistunde störte sie nicht. Ordnungshüter Meder drückte beide Augen zu und ließ die wackeren Zecher gewähren.

Nun begab es sich, daß Wachtmeister Meder Urlaub hatte und sein Gnutzer Kollege auch in Innien für Recht und Ordnung sorgen mußte. Die Überschreitung der Polizeistunde erregte in ihm ein heftiges Mißbehagen. Sein Pflichtgefühl zwang ihn zum Eingreifen! „Polizeistunde!" Die behagliche Runde nahm keine Notiz davon. Max Rabes abwehrende Geste hinderte den gestrengen Polizeimann nicht daran, nach kurzer Zeit wieder aufzukreuzen und den drei Gesetzesbrechern zu bedeuten, daß er sie zur Anzeige bringen und ihre Personalien feststellen müsse. Die Zedier ließen sich nicht beirren.

„Sie da! Name und Beruf?” — „Christian Wörpel, Eselstreiber aus Innien", „und Sie da?" — „Hans Siehl, Eberknecht aus Innien", „und Sie da?" (Und nun kam's mit betonter Deutlichkeit in schönstem Sächsisch): „Generaloberarzt der Marine Dr. Seefe!"

Dem wackeren Uniformträger verschlug es die Sprache! Das riß den ehemaligen Korperal der kgl. preußischen Armee mit einem Ruck zusammen. Der Mittelfinger der linken Hand suchte unwillkürlich die Hosennaht und die rechte Hand flog automatisch an den Mützenrand. Verd ... Wollten die ihn hier auf den Arm nehmen? Wer war hier nun Autorität? Wer sollte sich da auskennen! Und dann das Grinsen von dem Eberknecht! Sofortige Zurechtweisung und Anzeige wegen Beamtenbeleidigung und falscher Berufsangabe? Oder stramme Haltung vor dem General? Oder war's gar keiner? Das stumme, aber beredte Abwinken von Max Rabe schien noch der beste Rat. Als letzte Rettung der angeknacksten amtlichen Autorität: „Sie werden von mir hören!" Stramme Wendung und ab durch die Tür!

In Gnutz würde er seine Meldung schreiben; man sollte ihn kennenlernen! Es wurde nichts draus. Eselstreiber, Eberknecht und gewesener kaiserlicher Generalmediziner zechten auch in Zukunft unbekümmert um Zeit und Stunde, gesteuert nur von ihrem großen Durst! (Dr. Seife wohnte in der alten Schule mitten im Dorf und starb während des Krieges.)