Archiv:Die "schlechte Zeit"

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Die „schlechte Zeit"

Lebensmittelkarte 1945
Abfahrt nach Polen - von links: Jürgen Honermeier, Hans Holm, Hans Wischmann und Fred Wüstenberg

Zuteilungsperiode als wichtigste Zeitrechnung

Wie war eigentlich die Zeit vor 1948? Haben wir diese „Schlechte Zeit" ganz vergessen? In einem Gespräch mit der 88jährigen Kaufmannsfrau Grete Michaelsen aus Böken wurde klar, auch diese Zeit gehört in die Chronik. Wissen wir überhaupt noch, daß nicht die Lohnwoche oder der Gehaltsmonat, sondern die Zuteilungsperiode die wichtigste Zeitrechnung für uns war? Daß wir Weihnachten 1947 bei der Zuteilungsperiode 109 und Weihnachten 1948 bei der Zuteilungsperiode 121 angelangt waren? Ist uns etwa Abschnitt 11 noch ein Begriff? Abschnitt 11 war die Fettkarte des Normalverbrauchers.

Im letzten Weihnachtsmonat vor der Währungsreform, im Dezember 1947, wurden 150 g Fett auf diese Karte zugeteilt, das war die ganze Monatsration. Glücklicher als Normalverbraucher waren der Normalarbeiter, der Teilschwerarbeiter, der Mittelschwerarbeiter und der Schwerstarbeiter. Jeder bekam 50 oder 100 g Fett mehr als der andere.

1946 erhielt der Normalverbraucher 10 g Fett je Tag, 1947 sechs und 1948 schon wieder 15 g. 400 g Fleisch gab es im Dezember 1948 im ganzen Monat. An Brot gab es 10 kg, an Kartoffeln 8 kg, an Nährmittel 1,3 kg, an Zucker und Fisch je 500 g in der ganzen Periode.

Kinder, Mütter und Kranke bekamen Vollmilch zugeteilt. Gekämpft wurde darum, ob man den alten Leuten 1/4 Liter Milch geben konnte oder nicht. Diese Vollmilch hatte einen Fettgehalt von 2,6 %. 3/4 Liter Vollmilch je Tag war der Höchstsatz. Ihn bekamen nur Säuglinge und Kleinstkinder. Kinder von drei bis sechs Jahren erhielten nur 1/2 Liter.

Vom siebten Lebensjahr an gab es nur noch entrahmte Frischmilch. Der Rationssatz betrug sechs Liter im Monat und auch das nur für Kinder und Jugendliche bis 20. Wer älter war, bekam drei Liter in der Periode. Zur Herrichtung des „Muckefuks" wurden 125 g Kaffee-Ersatz verteilt. Frau Michaelsen erinnert sich an eine Frau, die ihre 62,5 Gramm Butter abholte und so richtig froh sagte: „Jetzt werde ich ersteinmal eine Butterstulle essen."

Die Kaufleute mußten die abgeschnittenen Lebensmittelmarken auf Papier kleben und bei der Gemeinde abliefern. Dafür bekamen sie Bezugsscheine, die an die Firma Raasche in Itzehoe gingen. Diese brachte dann wieder neue Ware.

Glücklich schätzten sich die Aukruger, die einen Garten hatten oder in der Landwirtschaft tätig waren. Die „Selbstversorger" brachten Roggen zum Bäcker und konnten Brot wieder mitnehmen. Der „Normalverbraucher" bekam Maisbrot. Die Landarbeiter bauten wie in früheren Zeiten Buchweizen an. Rübensirup und Kartoffelmehl wurden selbst hergestellt.

Da besonders in den Städten großer Hunger herrschte, kamen die Leute aufs Land zum „Hamstern". Hatten sie unter den Bauern Verwandte, Freunde oder Bekannte, gab es vieles umsonst. Wenn nicht, wurden Wertgegenstände gegen Kartoffeln, Getreide oder Fleisch eingetauscht. Aber dabei durfte man sich nicht erwischen lassen, und schon gar nicht beim Feldraub.

Daß es wirklich eine schlechte Zeit war, beweist der Aufruf, den die Landesregierung und die Vertreter der Bauern und Landarbeiter in Schleswig-Holstein am 22. Januar 1948 erlassen haben.

„Rettet die Menschenleben in den Städten"

Die große Futternot dieses Winters habe die Milch- und Buttererzeugung so absinken lassen, daß selbst in Schleswig-Holstein nicht einmal mehr die Hälfte des Fettbedarfs aus der Buttererzeugung gedeckt werden könne. Ferner wird darauf hingewiesen, zunächst diejenigen Verbraucher zu beliefern, die seit der 108. Zuteilungsperiode noch kein Fett empfangen haben.

Es wurde beschlossen, in der 110. Zuteilungsperiode die Hälfte der geltenden Fettration einzusparen und in der kommenden 111. Zuteilungsperiode kein Fett aufzurufen. Nur durch äußerste Einschränkungen sei es möglich, die Belieferung von Säuglingen, werdenden Müttern und Kranken mit Vollmilch in der Stadt aufrechtzuerhalten.

Immer wieder Not in der Welt

Eine überwältigende Resonanz hatte 1982 der Spendenaufruf der Ortsbeiräte und der Kirchengemeinde „Wir packen Polenpakete". 220 Pakete und 4. 000 DM waren eingegangen. Somit konnten 300 Pakete verladen werden. Da der zur Verfügung gestellte LKW der Baumschule Rohwer aus Gnutz nicht alle Pakete faßte, wurde er von Hans Holm und Fred Wüstenberg mit PKW und Anhänger begleitet.