Archiv:Einführung "Die Zeit von 1933 bis 1945"

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Einführung "Die Zeit von 1933 bis 1945"

Um die sechzig Jahre ist es her, da dröhnten die Reichsarbeitsdienst-Formationen — ein Lied, drei, vier — im Gleichschritt durch die Aukrugdörfer. Die meisten Menschen waren froh über die neue Regierung, die aus den Wirren der Weimarer Zeit herausführen sollte.

Lehrer und Parteiführer sprachen auf Großveranstaltungen im Garten des Gemeindehauses vor fast tausend Zivilisten und Uniformierten. Und wie mag sich die Predigt des Pastors anläßlich des Tages von Potsdam (21. März 1933, zwei Tage vor Verkündigung des Ermächtigungsgesetzes) angehört haben? In der total überfüllten Kirche predigte er über den Psalm 60.14: „Mit Gott wollen wir Taten tun. Er wird unsere Feinde untertreten." Wie immer er damals auch dieses Wort ausgelegt hat, auf jeden Fall geschahen dann tatsächlich Taten, die im Nachhinein „niemand gewollt hatte".

Auch in Aukrug und Umgebung wurde selbst passiver Widerstand gegen den Nationalsozialismus mit brutaler Gewalt gebrochen. Hier einige Beispiele:

  • 1933 wollten „Wahlhelfer" mit Dreschflegeln und Forken den politisch eher harmlosen Landwirt Hannes-Matthias Paape aus Homfeld zum Wahlgang zwingen. So etwas war dieser von seinen Mitbürgern sonst nicht gewohnt, dachte sich wohl, auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, und schoß mit seiner Jagdflinte von innen durch die Tür, wohl zur Warnung, ohne jemanden zu treffen. Die Kripo holte ihn ab und er kehrte nie mehr zurück.
  • Hans Sager aus Heinkenborstel hatte im Innier Bahnhofslokal Hitler als den größten Feind Deutschlands bezeichnet. Er wurde denunziert und zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Seine Gastwirtschaft in Heinkenborstel wurde boykottiert und später angesteckt, gleichzeitig mit den Häusern von zwei Bargstedter Nazigegnern.
  • Der Innier Friseur Willy Nottelmann, ein Kriegsinvalide, leistete sich die „Unverschämtheit", bei einem Vorbeimarsch die Hakenkreuzfahne nicht zu grüßen. Ein als rabiat bekannter Landwirt sprang aus der Formation und verprügelte ihn schwer — das war damals zu diesen Anlässen überall im Reich allgemein üblich. Allerdings soll der Täter später Reue gezeigt und seinem Opfer regelmäßig großzügige Fleischgeschenke gemacht haben.
  • Während des Krieges wurde Käthe Rohwer aus Bünzen denunziert und kam ins KZ Russee bei Kiel. Sie hatte einem Polen zur Flucht verholfen. Auch ein Sohn des Innier „Altsozis" Gustav Hohnsbeen kam aus unbekanntem — aber naheliegenden — Grund ins KZ. Es wird von einem Viehhändler aus Innien berichtet, der so unter Druck gesetzt wurde, daß er schließlich das Dorf verließ.

Dann kam der Krieg — von den Regimegegnern seit langem befürchtet und vielen Nationalsozialisten stürmisch begrüßt. Denn wie hieß noch einer der alten Sprüche? „De Not is swor, de Kraft is dor, de Weg is klor!" (F. Zacchi, Neumünsteraner Journalist und Verlagsleiter in Bordesholm). Den meisten gingen schon bald die Augen auf, aber sie mußten den Mund geschlossen halten, denn das Terrorregime duldete keine Kritik. Der Pastor feierte verschwörerhaft im kleinsten Kreise sein 25-jähriges Dienstjubiläum in einem Raum des Frauenheimes (heute Erlenhof). Er war zu einem Regimegegner geworden, warb unter Mißachtung persönlicher Verfolgung für die Bekennende Kirche und wurde deren Sprecher für Schleswig-Holstein. Kurz danach, am 8.9.1943, verstarb er im Alter von 66 Jahren.

Er konnte seiner Gemeinde nicht mehr die nach 1945 so dringend benötigte Hilfe zur Bewältigung der schrecklichen Vergangenheit bieten. Auch dies mag ein Grund dafür sein, daß auch heute noch viele ältere Menschen nicht über ihre Erfahrungen aus der Nazizeit sprechen wollen bzw. können. Kern dieses Kapitels sind zwei ausführliche Beiträge von Aukruger Zeitzeugen aus verschiedenen Generationen.

Der Zimmermann Johnny Rohwer, Jahrgang 1906, hat die Weimarer Republik von Anfang an miterlebt und schrieb sich seine Erbitterung über die ihm verhaßte Nazidiktatur von der Leber. Das muß, wie indirekt aus den Aufzeichnungen hervorgeht, 1934 gewesen sein.

Claus Butenschön, 1926 geboren, ist als kleiner Junge in die Nazizeit hineingewachsen, war deren Erziehungs- und Formungssystem voll ausgeliefert. Erst kurz vor ihrem Ende konnte die Distanzierung beginnen, und danach wußten er und alle Überlebenden aus seiner Generation besser als viele andere, was eine freiheitliche Demokratie wert ist. Diese mitzugestalten sah er seidem als Bürgerpflicht und dringliche Aufgabe an. So kommen hier zwei Aukruger zu Wort, die jene Zeit aus grundverschiedener Perspektive erlebt haben.